Nihilismus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Begriff Nihilismus (lat.: „nihil“; „nichts“) bezeichnet eine Weltanschauung, die eine vorfindbare Sinnhaftigkeit der Welt bestreitet. Objektive Erkenntnismöglichkeit und feststehende Wahrheiten werden verneint. Es werden keine absoluten Werte oder Normen und somit auch keine allgemeingültige Moral anerkannt. Eine Moral wird nur so weit vertreten, als man dem Minimum an Anstand entspricht, den die Gesellschaft verlangt. Im Grunde denkt man morallos. Nihilismus wurde historisch nicht selten als Vorwurf zur Verleumdung und Diffamierung Andersdenkender wie Galileo Galilei und anderer vermeintlicher „Ketzer“ eingesetzt.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Philosophie

[Bearbeiten] Herleitung

1733 erwähnte Friedrich Lebrecht Goetz das Wort "Neinismus" bzw. Nihilismus als literarischen Terminus. Als Verabsolutierung der Negation im philosophischen Sinne wurde der Begriff 1799 erstmals von Friedrich Heinrich Jacobi in einem Brief an Johann Gottlieb Fichte verwendet, in welchem er Einwände gegen dessen philosophisches System erhob. Der russische Dichter Iwan Sergejewitsch Turgenjew griff ihn 1862 in seinem populären Roman "Väter und Söhne" auf, wo er eine breite öffentliche Aufmerksamkeit erfuhr. Der Philosoph Friedrich Nietzsche bezog sich auf die Verwendung des Ausdrucks bei Turgenjew durch die "russischen Nihilisten" und meinte damit das Phänomen einer Entwertung der obersten, sinngebenden Werte der Menschen einer Kulturgemeinschaft.
In Nietzsches Werk "Jenseits von Gut und Böse" ist von einem "Russischen Nihilin" die Rede, einem Pessimismus "der nicht bloss Nein sagt, Nein will, sondern ... Nein tut." (Jenseits von Gut und Böse, Sechstes Hauptstück: Wir Gelehrten, Nr. 208)

Zu unterscheiden ist grundsätzlich ein erkenntnistheoretischer Nihilismus, der die Möglichkeit der Wahrheitsfindung verneint und ein ethischer oder auch moralisch politischer Nihilismus, der alle Werte und Normen des Denkens und Handelns als unbegründet verneint.

[Bearbeiten] Nietzsche

Der Begriff wurde insbesondere durch das Werk des deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche geprägt. Obwohl heute der Begriff oft gegen Atheisten (und speziell gegen Nietzsches Weltanschauung) verwendet wird, hatte Nietzsche selbst den Begriff gegen die christliche Religion verwendet, die er als im Kern nihilistisch brandmarkte. Nietzsche formuliert den Nihilismus insbesondere mit diesen Argumenten:

  • „Es ist nichts mit der Moral: moralische Werte haben keine unbedingte Geltung, sondern sind nur in einer bestimmten Situation nützlich oder nutzlos.“
  • „Es ist nichts mit der Wahrheit: Unbezweifelbare, objektive und ewige Wahrheiten sind nicht erkennbar. Wahrheit ist stets subjektiv.“
  • Gott ist tot: Es existiert keine übergeordnete, ewige Instanz. Der Mensch ist auf sich selbst zurückgeworfen.“
  • „Die ewige Wiederkehr des Gleichen: Geschichte ist nicht finalistisch, es gibt keinen Fortschritt und kein Ziel.“

Einer von Nietzsches Wegen zur Überwindung des Nihilismus ist der Übermensch aus „Also sprach Zarathustra“.

[Bearbeiten] Weitere Gedanken zum Thema

Nietzsches Verwendung des Nihilismus-Begriffs wird oft zu Unrecht in Anspruch genommen. Gerade der heutige „Hedonismus“ der modernen Konsumgesellschaft wird oft damit gleichgesetzt, ist aber etwas wesentlich Anderes. Auch dem Existentialismus wurde vorgeworfen, im Grunde ein Nihilismus zu sein.

Nietzsche geht davon aus, dass die Bibel ein ansatzweise nihilistisches Werk enthält, da fast alles für nichtig angesehen wird.

Manche konservativ-christliche Strömungen werfen ihren Gegnern Nihilismus vor, da sie sich nicht an der Religion orientieren, die allein aber die letzten Begründungen für Sinnhaftigkeit liefern könne. Säkulare Strömungen bestreiten dies wiederum (Metaphysik). Auch dem Buddhismus wurde oft vorgeworfen, er sei eine nihilistische Lehre. Dies bezog sich auf seinen Begriff des Nirvana, der jedoch mit philosophischem Nihilismus nichts gemein hat.

Von manchen wird die Kunst selbst in ihrem Wesen und ihrer Gesamtheit als nihilistisch angelegt gesehen.

[Bearbeiten] Kritik

Gegen den Nihilismus wird kritisch eingewandt, er widerspreche sich selbst: denn wenn nichts ist und folglich nichts wahr ist, dann wäre es auch nicht der Nihilismus. Wäre er nicht wahr, so könne aus der Verneinung seiner Aussage „Nichts ist wahr“ geschlossen werden: „Es gibt etwas, das wahr ist“. Eine Weiterentwicklung des Nihilismus, die diesen Widerspruch auflöst, findet sich in dem von Stefan Kollmann beschriebenen Omnismus.

Umgekehrt wird auch den nicht negierenden sondern postulierenden Weltanschauungen vorgehalten, sie fielen ohne ihre Grundannahmen gegenstandslos in sich zusammen. So stelle etwa der Theismus den Versuch dar, durch die (axiomatische) Annahme eines Gottes, welche nicht kritisierbar sei, sich aus sich selbst zu beweisen. Insofern seien alle Weltanschauungen mit dem Makel nichtkonsistenter Theorien behaftet, die ihre Allgemeingültigkeit entweder selbst in Frage stellten oder nicht von einem äußeren Standpunkt her belegen könnten. Insbesondere halten viele gemäß dem Münchhausen-Trilemma Letztbegründungen für nicht möglich.

[Bearbeiten] Zitate

„Du wirst niemals mehr beten, niemals mehr in endlosem Vertrauen ausruhen.“
„Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet.“
„Du versagst es dir, vor einer letzten Weisheit, Güte, letzten Macht stehen zu bleiben.“
„Du hast keinen fortwährenden Wächter und Freund für deine sieben Einsamkeiten... Mensch der Entsagung, in alledem willst du entsagen? Wer wird dir die Kraft dazu geben? Noch hatte niemand diese Kraft.“ (Friedrich Nietzsche, 1844–1900, deutscher Philosoph und klassischer Philologe)
  • "Alles erscheint lächerlich, wenn man an den Tod denkt." (Thomas Bernhard, österreicherischer Schriftsteller)
  • "Nichts, gar nichts sei wichtig, und ich wisse auch warum. Und er wisse ebenfalls warum. Während dieses ganzen absurden Lebens, das ich geführt habe, wehe mich aus der Tiefe meiner Zukunft ein dunkler Atem an, durch die Jahre hindurch, die noch nicht gekommen seien, und dieser Atem mache auf seinem Weg alles gleich, was man mir in den auch nicht wirklicheren Jahren, die ich lebte, vorgeschlagen habe." (Albert Camus, "der Fremde")

[Bearbeiten] Siehe auch

[Bearbeiten] Literatur

  • Ludger Lütkehaus: Nichts. Haffmans Verlag, Zürich 1999
  • Federico Vercellone: Einführung in den Nihilismus. Wilhelm Fink Verlag, München 1998
  • Winfried Schröder: Moralischer Nihilismus von den Sophisten bis Nietzsche. Reclam, Stuttgart 2005

[Bearbeiten] Weblinks

Wiktionary: Nihilismus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme und Übersetzungen
Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Nihilismus aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.

© 2005-2008 power-labels.com - Intelligente Internet Lösungen