Dadaismus
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Der Dadaismus war eine künstlerische und literarische Bewegung, die 1916 in Zürich von Tristan Tzara, Hugo Ball, Richard Huelsenbeck und Hans Arp gegründet wurde und sich durch Ablehnung „konventioneller“ Kunstformen - die oft parodiert wurden - und althergebrachter, bürgerlicher Ideale auszeichnete.
Der Begriff Dadaismus ist der heute üblicherweise für diese Kunstrichtung verwendete Begriff. Innerhalb der Dada-Bewegung wurde dieser Begriff jedoch nicht verwendet, da er einen „ismus“ oder eine Ideologie repräsentiert. Die Künstler der Dada-Bewegung haben sich jedoch nicht als Ideologen, sondern als das genaue Gegenteil verstanden.
Kurz darauf entstand eine Gruppe Berliner Dadaisten (u. a. George Grosz, Raoul Hausmann, Hannah Höch und John Heartfield), welche stark politisch orientiert waren, sowie die hannoverschen Dadaisten um Kurt Schwitters, die bewusst keine klaren Aussagen in ihrer Kunst darstellten. Auch in anderen europäischen Staaten und in den USA gab es dadaistische Ansätze; diese waren aber weniger bedeutend. Nur wenige Dadaisten haben für sich in Anspruch genommen, Politik bzw. Philosophie mit verschiedenen Kunstformen zu verbinden.
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[Bearbeiten] Begriff und Anfänge
Damals, so sagte George Grosz in seiner Autobiografie, versammelte der Schriftsteller Hugo Ball einige Künstler verschiedenster Sparten um sich, stach mit einem Federmesser in ein deutsch-französisches Wörterbuch und blieb auf dem Wort „dada“ (frz. Steckenpferd) hängen. Hiernach soll er dann den Dadaismus benannt haben. Ähnlich ist die Version, dass Hugo Ball und Richard Huelsenbeck in einem deutsch-französischen Wörterbuch nach einem Namen für die damalige Sängerin des Cabarets Voltaire „Madame le Roi“ suchten und auf das Wort „dada“ stießen.
Marcel Janco allerdings, selbst Dadaist, bestritt diese These und erklärte in einem Interview, die Geschichte mit dem Messer sei erst im Nachhinein erfunden worden und ein schönes Märchen, weil sie sich besser anhöre als die weniger poetische Wahrheit. Wahrscheinlicher sei wohl gewesen, dass ein damals in Zürich erhältliches und hinlänglich bekanntes Haarwaschmittel namens „DADA“ die Anregung für die Namensgebung der Künstlergruppe gab. Jedoch ist es genauso wahrscheinlich, dass das Wort „DADA“ der Kleinkindersprache in Frankreich entnommen worden ist.
Der Dadaismus stellte die gesamte bisherige Kunst in Frage, indem er ihre Abstraktion oder ihre Schönheit durch z. B. satirische Überspitzung zu sinnlosen Unsinnsansammlungen machte, z. B. in sinnfreien Lautgedichten. Hugo Ball war der Erfinder des Lautgedichtes. Dabei wird das Zusammenspiel von Wortlaut und Bedeutung aufgebrochen und die Wörter in einzelne phonetische Silben zerlegt. Die Sprache wird ihres Sinnes entleert und die Laute werden zu rhythmischen Klangbildern zusammengefügt. Dahinter steht die Absicht, auf eine Sprache zu verzichten, die nach Ansicht der Dadaisten nur verwüstet und unmöglich geworden ist. Mit den sogenannten Simultangedichten (Lautgedichte werden gleichzeitig von verschiedenen Menschen durcheinander gesprochen) wollten die Dadaisten die ohrenbetäubende Geräuschkulisse in Schützengräben, in der modernen Großstadt und auf die Verschlungenheit des Menschen im mechanischen Prozess aufmerksam machen. Tatsächlich ist es oft schwierig und auch müßig, die damaligen „echten“ Kunstwerke von den gewollt mehr oder weniger sinnlosen „Antikunstwerken“ des Dadaismus zu unterscheiden. Grenzen zwischen traditioneller Kunst und Trivialkultur wurden überschritten.
Im Laufe des Ersten Weltkrieges breitete sich der Dadaismus weiter in ganz Europa aus. Überall protestierten Künstler durch gezielte Provokationen und vermeintliche Unlogik gegen den Krieg und das obrigkeitsstaatliche Bürger- und Künstlertum. Gegen den Nationalismus und die Kriegsbegeisterung vertraten sie Positionen des Pazifismus und stellten sarkastisch die bisherigen absurd gewordenen Werte in Frage.
[Bearbeiten] Der Zürich-DADA und das Cabaret Voltaire
Am 5. Februar 1916 gründete Hugo Ball mit seiner Freundin Emmy Hennings in der Spiegelgasse 1, in Zürich unweit von Lenins Exilwohnung das Cabaret Voltaire. Zuerst führte er mit ihr zu zweit simple aber auch exzentrische Programme auf. Sie sang Chansons und er begleitete sie auf dem Klavier. Nach ein paar Wochen lernte er den rumänischen Dichter Tristan Tzara kennen, der ebenfalls in Zürich lebte. Die beiden sympathisierten sehr gut, da beide einen ungewöhnlichen Sinn für Geist und ANTI-Geist besaßen. Menschlich ergänzten sie sich auch ebenfalls sehr gut, weil Hugo Ball eher ruhig und nachdenklich war, wohin gegen Tristan Tzara ein unglaublich lebhafter und niemals ruhiger Mensch war. Er war also wie geschaffen für Hugo Ball’s Cabaret Voltaire. Als Tzara dann auch seine Gedichte rezitierte, unterbrach er sie oft selbst durch Schreien oder Schluchzen. Die Vorträge im Cabaret Voltaire wurden jetzt zunehmend durch Trommeln, Schlagen und auch sinnleere Gegenstände, wie zum Beispiel leere Kisten ergänzt. Das Publikum reagierte zunächst sehr erstaunt und verwundert, ja eingeschüchtert. Doch dann wurde es auch wieder eben aus dieser Verwunderung herausgetrieben und das war genau das, was Hugo Ball und Tristan Tzara wollten. Man begann weiter mit dem Einbinden von Bruitismus.
1916 schloss sich auch Hans Arp und Richard Huelsenbeck Hugo Ball an und man begann Papier- und Holzschnitte anzufertigen, die ebenfalls so wie die Vorstellungen im Cabaret den ANTI-Kunst-Gedanken besaßen. Zu guter letzt schloss sich auch noch Marcel Janco der Truppe an. Auch er war Rumäne und wechselte natürlich auch des Öfteren mit Tristan Tzara hin und wieder ein paar Worte. Oft bejahten sie ihre Redeströme mit „da, da“ was übersetzt eben „ja, ja“ heißt. Das kann ebenfalls der ausschlaggebende Punkt für Hugo Ball gewesen sein um diese Kunst „Dada“ zu nennen.
1916 gab Tristan Tzara eine Zeitschrift mit dem Namen „Dada“ heraus. Er selbst administrierte diese und im Kreis der Dadaisten war man froh, dass ein Dichter mit einer so hohen Qualität diese Aufgabe übernahm. Durch diesen Vorteil versuchte er mit Dichtern aus anderen Ländern auf diesem Wege Kontakt aufzunehmen. Da er ein für seine Zeit exzellenter Polemiker war, war er natürlich wie geschaffen für Manifeste und ähnliche Aktionen, die die „Dadaisierung“ zur Aufgabe hatten. Tristan Tzara verglich Futurismus mit Dada und er sagte, dass Futurismus ein Programm hat und die futuristischen Werke versuchen, dieses Programm zu erfüllen. Beim Dadaismus ist es so, dass dieser kein Programm hat, das man erfüllen könnte und das eben das das Programm sei, keines zu haben.
Hugo Ball hatte durch Wassily Kandinsky die Idee von einem „Gesamt-Kunstwerk“ erfahren, welches viele der menschlichen Ausdrücke zusammenfasst und er veranlasste unter dieser Idee jetzt auch mehrere Dada-Veranstaltungen. Das Cabaret Voltaire musste wegen mehrerer Beschwerden der Bürger und Nachbarn aufgelöst werden. Hugo Ball und Tristan Tzara eröffneten also eine Galerie in der Bahnhofsstraße in Zürich, die sie „Dada“ nannten. Sie luden bekannte Maler und Bildhauer ein um bei ihnen auszustellen, u.A. Wassily Kandinsky, Paul Klee, Giorgio de Chirico. Eine gute Idee, wie es schien, jedoch gab es hin und wieder Streitereien zwischen den Besuchern, den Dichtern und den Künstlern. Man versuchte dass Dadaistische aus der Galerie zu drängen und das bereitete Hugo Ball Sorgen. Man war Teils eifersüchtig und zum anderen Teil war es den Besuchern meist zu „radikal“. Auch diese Einstellung bereitete Hugo Ball Sorgen, was auch der Grund für seinen späteren Rückzug vom Dadaismus war.
Am 14. Juli 1916 begann eine neue Form von Dadaismus zu wachsen: Das Lautgedicht. Es wurde zu einem der wichtigsten Schaffensgebiete der Dadaisten. Hugo Ball veranstaltete einen Dada-Abend in einem Wirtshaus. Er berichtete nur Tristan Tzara von seinem Vorhaben an diesem Abend ein Lautgedicht in einem ganz besonderen Kostüm vorzutragen. Das Kostüm war ein aus Pappe bestehender Zylinder für den Körper und ein ebenso geformter Hut. An den Händen und Armen hatte er ebenfalls röhrenähnliche Pappe kleben. Man musste ihn in den Saal tragen, da er fast bewegungsunfähig war. Dieses Gedicht wurde am 23. Juni 1916 in der Galerie Dada von Hugo Ball aufgeführt. Er selber begründete die Lautgedichte mit dem Satz: „Mit diesen Tongedichten wollten wir verzichten auf eine Sprache, die verwüstet und unmöglich geworden ist durch den Journalismus. Wir müssen uns in die tiefste Alchemie des Wortes zurückziehen und selbst die Alchemie des Wortes verlassen, um so der Dichtung ihre heiligste Domäne zu bewahren.“ Als er seine Lautgedichte rezitierte, explodierte das Publikum förmlich in Gefühlsexzessen der Verwunderung, des Erstaunens, des Lachens und der Ungläubigkeit dieser Gedichte.
Nach seinen Erfolgen ging Hugo Ball nach Bern um für die „Freie Zeitung“ zu schreiben, wodurch die dadaistische Leitung in Zürich an Tristan Tzara überging. Man veranstaltete eine große Dada-Veranstaltung, in der viele Künstler auftraten und man Gedichte von bis zu 20 Personen gleichzeitig vortragen ließ, welche immer wieder durch Gelächter, Sprechchöre und Zwischenrufe begleitet wurden. Des Weiteren beschimpfte man das Publikum in allen für die Verhältnisse erdenklichem Maße. Man wollte provozieren, wie man es noch nie getan hatte um an die „niemals vorhandenen Grenzen“ des Dadaismus anzustoßen. Das Publikum jedoch reagierte auch zum Teil darauf, indem es zum Beispiel Walter Serner von der Bühne aus dem Gebäude jagte und seine Requisiten zerstörte. Hans Arp hatte einmal höchst anschaulich beschrieben, wie es ablief, wenn sie ihr Programm vollführten: „Tzara lässt sein Hinterteil hüpfen wie den Bauch einer orientalischen Tänzerin, Janco spielt auf einer unsichtbaren Geige und verneigt sich bis zur Erde. Frau Hennings mit einem Madonnengesicht versucht Spagat. Huelsenbeck schlägt unaufhörlich die Kesselpauke, während Ball, kreidebleich wie ein gediegenes Gespenst, ihn am Klavier begleitet. – Man gab uns den Ehrentitel Nihilisten".
[Bearbeiten] Der New York-DADA
In New York tat sich ebenfalls eine Entwicklung des Dada auf, die genauso auf ANTI-Kunst ausgerichtet war, wie der Zürich-Dada. Alfred Stieglitz, ein Fotograf, der die Kunst der Fotografie in Frage stellte und mit dem Satz begründete: „Warum sollte man der menschlichen Hand, dem menschlichen Auge oder der fotografischen Platte und dem fotografischen Papier nicht ebensoviel Sensibilität und Ausdruck abgewinnen, wie derselben Hand und demselben Auge auf der Leinwand gelingen? Fotografie braucht nicht nur die Reproduktion einer realen Welt zu sein, sie kann und sollte vielmehr zur Erschaffung einer neuen Welt beitragen.“ Mit diesen Worten zog er mehrere junge Fotografen an, die mit ihm in seiner Zeitschrift „Camera Work“ arbeiteten, die später zu „291“ umbenannt worden war. Die Künstler, darunter Marcel Duchamp, veranstalteten eine Ausstellung im Armory (Zeughaus) New York und boten der damals noch ahnungslosen Presse eine völlig neue Form von Kunst an. Vor allem Marcel Duchamp stellte eine Sensation mit seinen Bildern dar, da er so unglaublich lässig mit Licht gespielt hatte, das man von dem „Licht als beweglichen Faktor in der Malerei“ sprach. Die Zeitschrift „291“ wetterte nun immer stärker gegen die Rolle der Kunst und gegen die Wertvorstellungen New Yorks. Man begann sich widersprüchlich und mit undeckenden Aussagen über die Werke und das Künstlerverhalten zu äußern.
Marcel Duchamp wurde der Dadaist schlechthin. Er betrachtete das Leben nur noch als einen simplen Witz, als unglaublichen Un-Sinn, der sich nicht loht, erforscht zu werden. Das zeigte auch die absolute Neuerung, die er in die Welt der Plastiken und Skulpturen einbrachte. Diese Idee der so genannten „Readymades“ basierte auf einer vollkommen dadaistischen Basis: Er setzte Gegenstände, die er aussuchte einfach in den Status eines Kunstwerkes, indem er sagte, dass es ein Kunstwerk ist, nicht weil der Künstler es geschaffen hat, sondern weil der Künstler es zu einem solchen erklärt. So entstanden zum Beispiel die „Fontäne“, wobei er lediglich ein Urinal aus einem Billig-Laden erstanden hatte und dies senkrecht nach oben stellte und es mit „R.Mutt“ signierte. Da er selbst Künstler war, machte diese Entdeckung eine Selbstironie aus ihm, da er sich damit auch näherungsweise selbst zerstörte. Er bezeichnete diese Werke auch selbst als „Nichts“. Sie sollten das Nichts in dem wir wandeln, also die Welt und das Leben, symbolisieren.
[Bearbeiten] Der Berlin-DADA
In Berlin nahm der Dada seine weltweit extremste Form an. Da in Berlin immer noch eine gewisse Un-Ordnung wegen des 1. Weltkrieges herrschte was die politische Denkweise der Menschen anbelangte, war es quasi ein Schlaraffenland für Dadaisten und genau der richtige Boden für eine dadaistische Revolution.
Als Richard Huelsenbeck 1917 nach Berlin kam, fiel ihm diese Situation gleich auf und erkannte die Gunst. Dort waren George Grosz und Johann Herzfelde, der sich später umbenannte zu John Heartfield, die Richard Huelsenbecks Äußerungen über den Zürich-Dada, der bereits in vollem Gange war, vernahmen und sich ihm anschlossen, da sie schließlich auch mit der gleichen Überzeugung und mit dem gleichen Willen gesinnt waren. Prompt hielt Richard Huelsenbeck ein Dada-Manifest, wie sie es in Zürich auch schon getan hatten und hetzten über den Futurismus, den Kubismus und proklamierten Dada. Kurz darauf gründete man den „Club Dada“, der nicht weniger edel war, als der Herrenclub der hohen Politiker in Berlin. Die Bewegung hatte sich nun ein wenig gefestigt und in diesem Club waren nur die wirklichen Dadaisten Berlins vorhanden. Einer der Clubmitglieder war Johannes Baader, der sich den Namen „Oberdada“ zulegte, welcher ihm durch extreme Taten, die ihm wie Dada selbst „die Krone“ aufsetzten, zuteil wurde. Er rief sich selbst als Präsident des Erdballs aus. Der Dada wurde jetzt zunehmend stärker und extremer. Man begann Angriffe in der Dada-Zeitschrift und beleidigte bestimmte politische Persönlichkeiten.
Jedoch brachte der Berlin-Dada auch eine neue Technik im Bereich der bildenden Kunst hervor: die Fotomontage. In Zürich hatte man zwar die Collage schon benutzt, das aber jedoch nur aus Zeitungsausschnitten oder aus Schachteln, Stoff- und Papierfetzen. In Berlin wurde nun erstmals ein vollkommen realistisches Foto mit anderen zu einem neuen Kunstwerk verarbeitet. Hannah Höch und Raoul Hausmann waren die Ersten, die diese Neuerung ausprobierten. Auch neue Pforten beging man in der Richtung der Dichtkunst. Die Lautgedichte, die Hugo Ball, Richard Huelsenbeck und Hans Arp in Zürich rezitierten wurden ebenfalls weiterentwickelt.
Das Besondere am Berlin-Dada war, dass sich die Dada-Bewegung in dem Trubel der Großstadt befand und ständig im Zwist der Politik und der Menschen auf den Straßen stand. Im Zürich-Dada war es die bergliche Idylle, die eine gewisse seelische Ausgeglichenheit ausstrahlte. Man Veranstaltete insgesamt zwölf Matineen in Berlin. In manchen dieser Matineen wurde das Publikum des Öfteren als Idioten bezeichnet und als Abschaum behandelt.
1920 fand der Höhepunkt des Berlin-Dadas in einer Messe statt. Es war die erste internationale Dada-Messe. In ihr versammelten sich alle Dadaisten aus allen gesellschaftlichen Schichten und politischen Gesinnungen. Thema dieser Messe war natürlich unter anderem der Hass gegen jede Autorität. Die durch den Dadaismus entstanden Zeitschriften, Handzettel, Plakate usw. wurden dort gezeigt und machten die Pluralität der Bewegung sehr deutlich.
[Bearbeiten] Der Hannover-DADA
In Hannover gab es einen Mann, der sich sehr für die berliner Bewegung interessierte und merkte, dass das genau das ist, was ihm auch im Sinne steht. Er fuhr nach Berlin und traf sich mit Raoul Hausmann in einem Café und beantragte die Mitgliedschaft im Club Dada. Dieser Mann war Kurt Schwitters. Er erzählte Raoul Hausmann von seinen Gedichten, Bildern und seiner Haltung zur Rolle der Kunst in der damaligen Gesellschaft. Raoul Hausmann war sehr angetan von ihm und seiner Idee aber er konnte Kurt Schwitters nicht ohne weiteres aufnehmen. Er musste sich mit den Clubmitgliedern besprechen und es ihnen vortragen. Aber Richard Huelsenbeck hatte eine Abneigung gegen Kurt Schwitters, die bei allen Mitgliedern auf Unverständnis gestoßen war. Kurt Schwitters konnte also nicht Mitglied werden. Er entsagte darauf dem Wort Dada und nannte seine eigene Kunst „MERZ“, die aber gleich gesinnt wie der Dadaismus auf die ANTI-Kunst gerichtet war. MERZ nannte er sie, weil er die Silbe MERZ aus „Commerzbank“ herausnahm.
Kurt Schwitters sympathisierte sehr gut mit Hans Arp, da beide eine sehr deckende Vorstellung von Dadaismus und ANTI-Kunst hatten. Das zeigte sich nicht nur in der Ähnlichkeit der Lautgedichte, sondern auch in der Wesensgleichheit ihrer Reden. Besonders Kurt Schwitters hatte ein Talent für Vorträge und das Reden. Er gab auch bald darauf eine Zeitschrift heraus mit dem Namen „MERZ“. Kurt Schwitters stellte selbst eine Theorie für das Dichten auf; eine Art eigene Logik, die er als „Schwitters-Logik“ bezeichnete. Diese Logik schrieb für das Gedicht im Allgemeinen vor: „Nicht das Wort ist ursprünglich Material der Dichtung, sondern der Buchstabe.“ Danach ist das Wort im Ersten eine Komposition von Buchstaben, Zweitens Klang, Drittens Bezeichnung (Bedeutung) und Viertens Träger von Ideenassoziationen.
Kurt Schwitters war auf allen Gebieten der Kunst vertreten und versiert dazu. Er collagierte, malte, komponierte, schrieb und dichtete alle Möglichen Dinge. Seine Idee von Kunst unterschied sich aber in der Idee von Hugo Ball. Kurt Schwitters war nicht das Gesamtkunstwerk wichtig, sondern vielmehr die Verschmelzung von allen Kunstformen zu einer Großen. Der Künstler ist ein Künstler auf allen Gebieten der Kunst. Er lebt Dada voll aus und konzentriert sich mit allen seinen Sinnen darauf. Auch zur von den Dadaisten angepriesenen Haltung des Zufalls hat er folgendes entgegnet: „Es gibt keine Zufälle. Eine Tür kann zufallen, aber das ist kein Zufall, sondern ein bewusstes Erlebnis der Tür, die Tür, die Tür, der Tür…“. Er bestätigt damit die dadaistische Idee, dass Zufälle nicht existieren auf die groteske und satirische Art des Dadaismus.
Sein größtes und außerordentlichstes Kunstwerk ist die „Schwitters-Säule“. Eine Raumgestaltung seltenster Art. Er hatte zahlreiche kleine Hohlräume in einem Zimmer geschaffen, die alle von unterschiedlichster Größe, Form und Richtung waren. Er selbst nannte sie „Höhlen“. Als der Raum voll mit diesen Höhlen war, musste er die Decke durchbrechen um damit weiterzumachen. Jede dieser Höhlen stand für eine seiner persönlichen Gedanken und Erinnerungen. So gab es zum Bespiel eine Arp-Höhle, in der er die Erinnerungen an Hans Arp aufbewahrte. So auch eine gerauchte Zigarette und ein Fläschchen Urin.
[Bearbeiten] Der Köln-DADA
So wie Kurt Schwitters für Hannover war könnte man die Haltung von Max Ernst zu Köln bezeichnen. Er lernte den Maler Johannes Theodor Baargeld kennen und veröffentlichte mit ihm die dadaistische Zeitschrift „Der Ventilator“. Jedoch wurde diese bald schon wieder durch die britische Besatzungsbehörde verboten, da sie zu sehr kritisch gegenüber Kirche, Volk und Staat gewesen war.
Hans Arp, Max Ernst und Johannes Theodor Baargeld veranstalteten auch hier eine Dada-Ausstellung, die allerdings von der Polizei geschlossen wurde, da scheinbar sexuell anrüchige Dinge und Gegenstände dort zu sehen gewesen wären. Man setzte sich aber durch, indem man klar machte, dass keinerlei dieser Dinge dort vorhanden waren und man erlangte einen Sieg des Dada.
[Bearbeiten] Der Paris-DADA
Als Tristan Tzara 1919 nach Paris gereist war, fand er dort eine schon etwas angehauchte zerstörerische und auflehnende Ader in der Literatur und Denkweise der Leute vor. Es war nicht wie in Berlin eine vollkommen neue Konfrontation der Menschen mit Dada und der ANTI-Kunst, sondern sie waren teils auch durch ihre eigenen Einflüsse, wie der französische Dichter Guillaume Apollinaire, der schon ein Jahr bevor Tristan Tzara kam die herkömmliche Sprachform und Dichterkunst in Frage gestellt hatte, bewegt worden. Zum anderen Teil wurden sie auch durch die Erfahrungen aus Zürich und dem Zürich-Dada geprägt, der geringfügig in Paris bekannt war. Anders war hier auch die Tatsache, dass beim Paris-Dada fast ausschließlich nur Dichter und Literaten den Dadaismus beschlossen und fortgeführt hatten. Man beschränkte sich dort fast nur auf das Gedichte-Schreiben und Rezitieren.
Doch Paris sollte auch der Schauplatz sein, wo die Dadaisten sich selbst zerstörten und mit sich Dada. Die Dadaisten wurden zunehmend engstirniger und zerstritten sich untereinander. Jeder ging vermehrt seine eigenen Wege und hatte seine eigene Meinung.
1922 veranstaltete man den „Kongress von Paris“, der als allgemeine Auflösung des Dadaismus gilt. Das Problem war, dass viele die an diesem Kongress teilnahmen, letztendlich gegen Dada waren und die eigentlichen Dadaisten sich nicht untereinander einigen konnten, wie es weitergehen sollte. Man wollte auf diesem Kongress eine weitere Dada-Bombe zünden, jedoch tat dies André Breton, auf den man sich verlassen hatte, nicht. Stattdessen griff er Tristan Tzara massiv an und es kam auch hier zum Streit zwischen ehemaligen Freunden. Später gab es noch teilweise handgreifliche Auseinandersetzungen auf Dada-Veranstaltungen, auf denen André Breton auf die Bühne kletterte und Darsteller während der Aufführung angriff.
[Bearbeiten] Der Post-DADA
Später trafen sich noch einige Dadaisten, wie Hans Arp, seine Frau Sophie Taeuber-Arp, Theo van Doesburg und Andere in Weimar und in Straßburg. Hans Arp hatte einen Auftrag bekommen, ein Restaurant dort zu gestalten und er lud noch ein paar seiner Freunde dazu ein.
[Bearbeiten] Ausdrucksweisen
Dada zerstörte die getrennten Ausdrucksweisen der Künste und führte verschiedene künstlerische Disziplinen zusammen, die z. T. anarchisch miteinander verbunden wurden: Tanz, Literatur, Musik, Kabarett, Rezitation und verschiedene Gebiete der Bildenden Kunst wie beispielsweise Bild, Bühnenbild, Graphik, Collage, Fotomontage.
Die Dadaisten entdeckten den Zufall als schöpferisches Prinzip. Hans Arp hatte lange in seinem Atelier am Zeltweg an einer Zeichnung gearbeitet. Unbefriedigt zerriss er das Blatt und ließ die Fetzen auf den Boden flattern. Als sein Blick nach einiger Zeit zufällig wieder auf die Fetzen fiel, überraschte ihn die Anordnung. Sie besaß den Ausdruck, den er die ganze Zeit vorher gesucht hatte. Arp wandte das Prinzip auch auf seine Lyrik an: „Wörter, Schlagworte, Sätze, die ich aus Tageszeitungen und besonders aus Inseraten wählte, bildeten 1917 die Fundamente meiner Gedichte. Öfter bestimmte ich auch mit geschlossenen Augen Wörter und Sätze ... Ich nannte diese Gedichte Arpaden.“
[Bearbeiten] Bedeutung und Einfluss
Der Dadaismus war in vielerlei Hinsicht ein sehr großer und radikaler Schritt der Kunstgeschichte und trug seinen Einfluss dazu bei. Er brachte viele Neuerungen in der Technik der bildenden Künste hervor, sowie er dafür gesorgt hatte, das zahlreiche Tabus in der Kunstszene gebrochen wurden und die Kunst nicht mehr nur Spiegel einer Gesellschaft ist sondern viel mehr. Man bereitete auch den Weg zum Surrealismus vor. Einige wenige der Dadaisten wurden nach Dada zu Surrealisten, die weniger das ANTI bestritten, sondern eher nach der Sinneskultur forschten und wie man sie am besten verwirren kann. Man ließ die reale Welt mit der Traumwelt verschmelzen und begann den Betrachter vor unlösbare rhetorische Rätsel zu stellen.
Der Dadaismus schien schließlich in den 20ern eines natürlichen Todes durch Desinteresse zu sterben und hinterließ in der Konkreten Lyrik oder dem Lettrismus einflussreiche Nachkommen. Zudem gehen auf den Dadaismus die moderne Performance (vgl. auch Fluxus) und die Idee des Readymade zurück.
Man findet die Dadaistische Idee der Ready-Mades von Marcel Duchamp in der heutigen Kunst häufig wieder. Sie dienen aber nicht mehr der allgemeinen Zerstörung von Kunst, sondern eher dem Auge des Betrachters als Genuss und Ansatz zu interpretatorischen Denkweisen. Danach ist diese Idee in der heutigen Kunst allgegenwärtig und man wird beim Streifzug durch jedes Kunstmuseum bei den modernsten Kunstwerken viele Readymades entdecken, jedoch heißen sie natürlich nicht mehr so, doch die Idee ist schon einmal da gewesen. So einen Schock zu wiederholen, wie es Marcel Duchamp mit seiner „Fontäne“ oder seiner „Kohlenschaufel“ damals getan hatte, ist unmöglich. Das ist passé und selbst damals beim zweiten oder dritten Betrachten schon vorbei gewesen. Nun ist jedoch das passiert, was die Dadaisten niemals wollten, nämlich, dass sie jetzt auch im Museum hängen, neben den Bildern von Leonardo da Vinci und Toulouse-Lautrec. Sie wollten eigentlich nur das zerstören, zu dem sie heute geworden sind.
Auch der Einfluss auf die Musik (Schlager „Da da da“ von Trio) ist umstritten - wie alles bei Dada. Zumindest auffallend ist, dass der deutsche Schlager der 1920er Jahre in erheblichem Maße von dadaistisch anmutenden Unsinnstexten Gebrauch macht (etwa bei den Comedian Harmonists); selbst aus dieser Zeit stammende Kinderlieder (wie das bekannte Drei Chinesen mit dem Kontrabass) untermauern die These, dass Dada in einem gewissen Ausmaß gesellschaftsfähig geworden war.
Dada kann auch als künstlerische Reaktion auf die Erschütterungen der Zeit des Ersten Weltkrieges verstanden werden. Der Zerstörung aller gültigen Werte und bürgerlichen Normen durch den Ersten Weltkrieg sowie der daraus resultierenden kulturellen Leere wurde eine freie, respektlose Kunst entgegengestellt, die den Bürger beispielsweise mit Publikumsbeschimpfung provozieren sollte.
Der Dadaismus konnte sich trotz des Zertstörungsklischees eine Nische schaffen und bis heute überleben. Er wird besonders von einigen Kabarettisten als sarkastische Kritik am Kunstbetrieb gepflegt. Bedeutendster Vertreter in der Nachkriegszeit war Ernst Jandl (vom Vom zum Zum, Ottos Mops).
Auch einige Kulturschaffende der Neuzeit bedienen sich des dadaistischen Gedankenguts, so zum Beispiel
- die Band Dada ante portas (Dada vor den Türen), welche wie die Wurzel der Dada-Kultur aus der Schweiz stammt
- die kulturelle Bewegung Eigenwillig Creative Alternative in der Schweiz der achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts
- Jonas Odell, der für die britische Band „Franz Ferdinand“ ein Musikvideo im Dada-Stil gedreht hat („Take me out“)
- der japanische Noise-Künstler Merzbow, der sich nicht nur nach einem Dada-Kunstwerk benannte, sondern auch verschiedene Techniken des Dada („Found sounds“...) in seine Konstruktionen einbaut.
- Mit „Dada in Berlin“ veröffentlichte die (ost-)deutsche Punkrock-Band Die Skeptiker 1988 einen Song zu dem Thema; gleichzeitig auch die Einstellung der sogenannten anderen Bands der damaligen DDR symbolisierend.
[Bearbeiten] Siehe auch
[Bearbeiten] Zitate
- „Wir sagen 'Dada is Muss', aber wir schreiben 'Dada is Mus'... hier findet Kultur statt!“ (Friedhelm Kändler)
- „Bevor Dada da war, war Dada da“ (Hans Arp - Gottesbezug oder Hinweis auf Christian Morgenstern?)
- „...Wir fanden Dada, wir sind Dada, und wir haben Dada. Dada wurde in einem Lexikon gefunden, es bedeutet nichts. Dies ist das bedeutende Nichts, an dem nichts etwas bedeutet. Wir wollen die Welt mit Nichts ändern...“ (Richard Huelsenbeck 1916 im Cabaret Voltaire)
- „Was wir Dada nennen, ist ein Narrenspiel aus dem Nichts, in das alle höheren Fragen verwickelt sind.“ (Hugo Ball)
- „Wer sich nicht der geistigen Wirklichkeit verschließt, wird reich von ihr beschenkt. In der Tiefe lösen sich die Geschwüre der wuchernden Vernunft spurlos auf. Affen und Papageien sind die größten Feinde der Kunst und des Traumes. Die Menschen suchen mit ihrer Vernunft nach dem Schlüssel, der das Tor des Lebensgeheimnisses öffnet. Nie werden sie so in die pfauenfarbigen, unendlichen Räume eindringen, in denen die goldenen Flammen sich reigend umarmen.“ (Marcel Janco, erinnert von Hans Arp)
[Bearbeiten] Bedeutende Dadaisten
- Hans Arp (1886-1966), Deutschland und Schweiz
- Johannes Theodor Baargeld (1892-1927), Deutschland
- Johannes Baader (1875-1955),Deutschland
- Hugo Ball (1886-1927), Schweiz
- Marcel Duchamp (1887-1968), Frankreich
- Max Ernst (1891-1976), Deutschland und USA
- Elsa von Freytag-Loringhoven (1874-1927), Deutschland und USA
- George Grosz (1893-1959), Deutschland und USA
- Raoul Hausmann (1886-1971), Deutschland (Berlin)
- John Heartfield (1891-1968), Deutschland
- Hannah Höch (1889-1978), Deutschland
- Richard Huelsenbeck, (1892-1974), Schweiz und Deutschland
- Marcel Janco (1895-1984), Schweiz
- Hans Richter (1880-1976), Deutschland und USA
- Kurt Schwitters (1887-1948), Deutschland (Hannover) und England („Merzkunst“)
- Walter Serner (1889-1942), Italien, Frankreich, Schweiz
- Tristan Tzara (1896-1963), Schweiz, Frankreich
[Bearbeiten] Literatur
- Richard Huelsenbeck (Hrsg.): Dada - Eine literarische Dokumentation. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1964 ISBN 3-499-55402-X
- Hermann Korte: Die Dadaisten. 3. Auflage. Rowohlt-Verlag, Reinbek 2000. ISBN 3-499-50536-3
- Hans Richter: Dada - Kunst und Antikunst. Der Beitrag Dadas zur Kunst des 20. Jahrhunderts. Verlag M. DuMont Schauberg, Köln 1964 (2. erg. Aufl. 1970)
- Karl Riha (Hrsg.): Dada total: Manifeste, Aktionen, Texte, Bilder. Reclam-Verlag, Stuttgart 1994. ISBN 3-15-059302-6.
- DADA Zürich.Dichtungen,Bilder,Texte. Arche-Verlag, Zürich 1957, Zürich-Hamburg 1998. ISBN 3-7160-2249-7
- Reinhart Meyer u. a.: Dada in Zürich und Berlin 1916-1920. Literatur zwischen Revolution und Reaktion. Scriptor-Verlag, Kronberg Ts 1973. ISBN 3-589-00031-7
- Gregor Schröer: „L’art est mort. Vive DADA!“ Avantgarde, Anti-Kunst und die Tradition der Bilderstürme. Aisthesis-Verlag, Bielefeld 2005. ISBN 3-89528-484-X
- Dada. 113 Gedichte. Hrsg. von Karl Riha. Berlin: Wagenbach 2003 (=WAT 477). ISBN 3-8031-2477-8.
- Eisenhuber, Günther: "Manifeste des Dadaismus. Analysen zu Programmatik, Form und Inhalt." (Aspekte der Avantgarde, Band 8, hrsg. von Anja Ohmer), Weidler-Verlag, Berlin 2006. ISBN 3-89693-464-3
[Bearbeiten] Weblinks
- www.mital-u.ch/Dada/
- ausführlicher Text über Dadaismus
- International Dada Archive Univ. of Iowa - sehr viele Abb. und Texte führender Dadaisten
- Dada online
- Dada-Eröffnungs-Manifest von Hugo Ball auf textlog.de
- Literaturwissenschaftliche Arbeit über den Dadaismus
- Dadaisme
- DadaTextes
- 391.org Dada contemporaines
- Mémoire sur Dada
- Editions-dilecta.com La collection Dada chez Dilecta
- L'exposition Dada en janvier 2006 au Centre Georges-Pompidou rassemblait plus de 1000 œuvres de 50 artistes en provenance de collections publiques et privées.
- Dossier sur l'exposition Dada au Centre Pompidou
- [http://www.bewegungschiffren.de/schwitters.htmlBewegungsperformance Alles Lalula
mit der Ursonate von Kurt Schwitters und andere Dada-Lyrik]